Die Soldaten Mit Dem Halben Stern Wdr
This German-language documentary tells the largely overlooked stories of men classified by the Nazi regime as Jewish “Mischlinge” who nevertheless served in the Wehrmacht during World War II. The film follows Bryan Mark Rigg’s research across Germany as he locates aging veterans, family records, military documents, photographs, and personal testimony that reveal lives divided between German identity and Nazi racial persecution. Veterans describe discovering their Jewish ancestry, concealing it from authorities, receiving military decorations, seeking exemptions, attempting to protect Jewish parents, witnessing persecution and mass killing, and struggling with their identities after the war. The documentary also places their experiences in the longer history of German-Jewish patriotism, including Jewish military service in World War I, while examining the contradictions between Nazi racial ideology and the realities of the German military.
Transcript.
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Dies ist die Geschichte deutscher Männer, die von den Nazis als rassisch unrein abgestempelt und zu jüdischen Mischlingen erklärt wurden.
Aber dennoch im Zweiten Weltkrieg für ihr Vaterland kämpften. Ein unglaublicher und bis heute kaum bekannter Vorgang.
Ich wollte so sein wie die anderen. Nur meine Mutter hat gesagt, Jengele, das geht nicht. Wir sind anders.
Und wenn du was sagst, dann komme ich ins KZ. Und das wollte ich nicht.
Es gab sicher Momente des Selbsthasses, ganz große Momente, wo ich hasste meine Vorfahren, meine Großeltern, meine Eltern, meine Mutter, alle.
Mich selbst natürlich auch, weil ich eben einfach sehr darunter litt.
Ich habe sowohl meine körperlichen Fähigkeiten, angefangen von Sport, Geistchenfähigkeiten, Musik, Theater,
habe ich von Anfang an der jüdischen Seite zugerechnet.
Meine Mutter war zwar sehr prosemitisch, aber sie hatte mir mal gesagt, Juden sind feige.
Und das war mir im Bewusstsein geblieben und ich wollte zeigen, dass ich nicht feige bin.
Ich habe es nur mitgemacht, um zu überleben. Ich habe mir gesagt, lieber hier, wenn du fällst, dann merkst du es nicht, als wie im KZ.
Dieser Zwiespalt, der dann in mir kam.
Als ich dann auf einmal merkte, hier gehst du gegen Menschen vor, die ja im Grunde genommen auch deines Blutes sind.
Heute kann ich also nur Gott danken, dass ich die jüdische Mutter hatte und kein Nazi geworden bin.
Dass die Geschichte dieser Männer überhaupt bekannt geworden ist, hängt mit einem jungen Amerikaner zusammen.
Im Sommer 1992 kommt der damals 21-jährige Texaner Brian McGrick auf einem deutschen.
Flughafen an. Er studiert in den USA Geschichte und hat gerade von seinen Eltern erfahren, dass seine mütterlichen Vorfahren aus Sachsen-Anhalt stammen.
Das macht ihn neugierig. Er beschließt zunächst die Sprache des fremden Landes zu lernen und hier nach seinen Ahnen zu forschen.
Mehr zunächst nicht. Doch die folgenden Ereignisse werden sein Leben verändern und ihn zehn Jahre lang intensiv beschäftigen.
In seinem Rucksack führt er alles mit, was er zum Leben unterbringt.
Und was er für das Arbeiten braucht. Da sein Geld nur für drei Monate reicht, er aber ein halbes Jahr bleiben will, muss er sehr sparsam leben.
Die unbekannte Welt seiner Vorfahren fasziniert ihn. Er hat erst jetzt erfahren, dass sie deutsche Juden waren.
Brian zieht weiter nach Berlin. Um seine Deutschkenntnisse zu verbessern, geht er ins Kino.
Sein Lehrer am Goethe-Institut hat ihm einen damals viel diskutierten Film empfohlen, der die wahre Geschichte eines außergewöhnlichen Schicksals erzählt.
Hitler-Junge Salomon. Und während Brian sich im Kino an einem Platz sucht, passiert etwas zunächst ganz Alltägliches, das aber ungewöhnlich weitergehen wird.
Hier kommt ein Texaner nach Deutschland, um seine Familie-Geschichte zu lernen und auch die Sprache von seiner Familie zu lernen.
Und er geht in einen Film über einen Menschen, der an die deutsche Wehrmacht gedient hat, der ein Jude war.
Und plötzlich ist der Mensch neben ihm auch ein Wehrmacht-Veteran, der teilweise jüdisch war.
Ich habe gesagt, das ist sehr ungewöhnlich. Das passiert nicht oft.
Und als ob ein Schicksal hat mir ausgewählt, um weiter an diese Themen zu forschen.
Ich habe gedacht, ich möchte wissen, ob es mehr Shlomo Perel gibt wie in dem Film.
Shlomo Perel, der Held dieses Spielfilms, ist ein deutsch-jüdischer Junge, der im Russland-Feldzug von deutschen Truppen gefangen wird.
Er leugnet, Jude zu sein und behauptet, als Volksdeutscher aus Lettland zu stammen.
Man glaubt ihm. Und nach einem Kriegsjahr in einer Panzerkompanie schickt ihn sein Kompaniechef auf ein Internat der Hitlerjugend in Deutschland.
Bist du bereit, unserem Führer Adolf Hitler den Treue-Eid zu schwören?
Ich bin bereit.
Ich schwöre bei Gott.
Ich schwöre bei Gott.
Diesen heiligen Eid.
Diesen heiligen Eid.
Dass ich dem Führer.
Dass ich dem Führer.
Des deutschen Reiches und Volkes.
Brian versteht nicht alles, aber sein Platznachbar spricht gut Englisch und übersetzt immer wieder für ihn.
Dem Oberbefehlshaber der Hitlerjugend unbedingt gehorsam bleib und bei jeder Gefahr bereit sein will, mein Leben einzusetzen.
Mein Leben einzusetzen.
Du kannst den Arm wieder runternehmen.
Wir begrüßen unseren neuen Kamerad mit einem Dreifach.
Wir brauchen Sieg Heil.
Sieg Heil.
Sieg Heil.
Dem jungen Historiker aus den USA erscheint die Filmstory eher unglaubwürdig.
Aber der Mann neben ihm ist ganz anderer Ansicht.
Peter Miljes heißt er und hat selbst eine dramatische Geschichte zu erzählen.
Er und sein später vor Leningrad gefallener Bruder waren als Söhne einer sogenannten halbjüdischen Mutter Soldaten in der Wehrmacht
und befürchteten ständig entdeckt zu werden.
Der Zufall hatte Brian mit Peter zusammengebracht. Aber nun begann das Thema der Soldaten jüdischer Herkunft in der Wehrmacht ihn zu fesseln.
Eine ganze Nacht lang stellt Brian Fragen. Dann beschließt er spontan, seinen Aufenthalt in Deutschland zu nutzen, um mehr darüber in Erfahrung zu bringen.
Als ich ihn gefragt habe, war es mehr Leute wie sie, die in die deutsche Wehrmacht gedient haben.
Er hat gesagt, dass er auch viele andere gegeben hat. Und dann habe ich angefangen zu denken, wie war das möglich, dass so viele Mischlinge dabei waren.
Später habe ich einen sehr guten Kameraden von Peter, Nils, kennengelernt. Und er hat gesagt, ja, ich habe gehört von Helmut Schmidt, dem Bundeskanzler, dass der ein sogenannter Mischling war beim Militär.
Später, als ich Helmut Schmidt interviewt habe, habe ich herausgefunden, dass das die Wahrheit war. Er hat einen jüdischen Großvater.
Und dann, das ist nur ein Beispiel.
Und dann habe ich gesehen, wie ich auf andere Leute gekommen bin. Und diese Nacht mit Peter habe ich plötzlich gesehen, dass hier war ein Kapitel vom Dritten Reich und Holocaust, das nicht geschrieben war.
Brians Recherche beginnt. Peter Mildes gibt ihm einige Namen und Adressen anderer Soldaten jüdischer Herkunft.
Nach meinem Gespräch mit Peter habe ich herausgefunden, dass es Tausende von Menschen waren, die aus Juden kamen.
Nicht, weil sie sich selber aus Jüdisch beseignet haben, aber weil die Nazis diese Leute aus Jüdisch beseignet haben.
Und das war die Realität damals. Und das war eine große Überraschung für mich.
Es war egal, was viele Leute, Eltern oder Großeltern getan haben mit Taufen und so weiter.
Plötzlich, es war die Rasse, nicht die Religion. Und es war das Blöd und so weiter, wie die Nazis gesagt haben.
Plötzlich waren viele Leute teilweise jüdisch.
Aber vorher, sie haben immer gedacht, ich bin Deutscher, ich bin Christ, ich bin Patriot und so weiter.
Plötzlich mit den Nazis, die sagen, nein, nein, du bist minderwertig, du bist ein Untermenschen, du bist ein Mischling.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, hatte er den Juden bereits in seinem Buch den Kampf angesagt.
Den Hundeliebhaber faszinierte die Idee der Rassereinheit, die er bedenkenlos auf den Menschen übertrug.
Dabei ging er nach den Mendelschen Gesetzen vor und berechnete das Erbe.
Er schlug das Erbgut nach Blutanteilen.
Heraus kamen Juden, Halbjuden und Vierteljuden, auch Mischlinge genannt.
Plötzlich waren Tausende christlicher Familien ebenfalls betroffen.
Denn neben dem Glaubensbekenntnis war nun ja die Abstammung entscheidend.
Ja, als kleiner Junge, weil alle Klassenkameraden in der Hitlerjugend waren, bin ich da auch reingegangen.
Meine Eltern haben das nicht gern gesehen.
Aber eines Tages wurde ich, äh,
ausgeschlossen und mir wurde langsam bewusst, ähm,
dass meiner Familie etwas nicht in Ordnung war.
Wir sind als Kinder, also mein Bruder und ich,
erst mit der Tatsache, dass wir jüdischer Abstammung sind,
konfrontiert worden nach der Machtergreifung durch den Hitlerfaschismus.
Ja, ich bin ja dann zu meinem Vater gegangen und habe meinen Vater gefragt, sag mal, was ist das eigentlich?
Ich bin angeblich wegen, äh,
äh, rassischer Unvollständigkeit da ausgeschlossen worden, weil ich nicht in die HJ darf.
Und da hat mein Vater mir gesagt, ja, also,
wir entstammen einer jüdischen Familie.
Es geht zumindestens darum,
dass du als Nicht-Arier mit Anfeindungen rechnen musst.
Ich bin Jude, ich bin kein Jude, ich bin Halbjude, ich bin nirgendwo bei Gesetzen.
Man hat mir mal alles erzählt, nicht?
Mich schlingt ersten Grades und...
Nein, wir haben überhaupt nichts davon gewusst, ich fiel aus allen Wolken.
Und für mich war das natürlich ein Schlag, äh, an dem ich lange zu knacken hatte.
Habe ich nur gehört, wie eine Mutter zu ihrem Sohn, mit dem ich Fußball spielte, gesagt hat,
hör auf mit dem Judenbub, mit dem Judenbub zu spielen.
Und das war für mich die ganz große Geschichte und das furchtbare Erlebnis,
dass ich auf einmal als Jude bezeichnet wurde,
obwohl ich das nur wirklich nicht war.
Auch als ich angefangen habe, ich habe gedacht, ja, wie ist Geschichte eigentlich gemacht?
Viele Leute gehen in ein Archiv, sie schauen an die Arten und wenn nichts da ist,
sie sagen, okay, ich habe nichts gefunden.
Aber ich habe angefangen zu denken, vielleicht die Geschichte steht außerhalb der Archive.
So deswegen bin ich an die Leute gegangen, um die Leute zu finden.
Und viele von den Leuten haben mir Spüren gegeben,
wie ich an die Dokumente in den Archiven kommen könnte.
Herr Meyer, es ist ein Wunder, dass Sie diese Unterlagen noch haben.
Bei seinen Nachforschungen lernt Brian Rick immer mehr Männer kennen,
die eine nie erzählte Geschichte mit sich herumtragen.
Einer weiß vom anderen und nennt ihm Namen und Adresse.
Die Suche nach den alten Unterlagen aus der über 50 Jahre zurückliegenden Militärzeit
führt häufig auf Dachböden und in Keller.
Lebensgeschichten, verpackt, verdrängt, vergessen.
Ah ja. Darf ich?
Natürlich, gucken Sie ruhig nach.
Ach so, hier der Eisener Kreuz, der Wehrpass aus Stamburg.
Das ist gut zu haben.
Und wann ist das aufgenommen?
So im Krieg.
Und diese zwei Streifen hier, ist das Obermarkt oder Markt?
Wie konnten diese Männer mit den Brüchen in ihrer persönlichen Entwicklung fertig werden,
eine Identität entwickeln?
Also, die Entwicklung.
Mit der Identität weiß der Teufel, weiß ich nicht.
Ich kann darauf gar nicht befriedigend antworten.
Ich weiß es nicht.
Ich habe mich nie als von einem Judentum irgendwie betroffen gefühlt, auch heute noch nicht.
Heute noch ist mir eigentlich unverständlich, dass ich ein sogenannter Mischling war.
Denn wir kamen aus einer absolut deutschen Familie.
Und die Religion spielte doch damals eigentlich für mich keine Rolle.
Es war eine Religion und weiter nichts.
Irgendwie war ein Zwiespalt in mir.
Ich muss sagen, ich musste in dieser Zeit leben.
Und ich musste alles versuchen, darüber wegzukommen.
Und irgendwie fühlte ich mich natürlich auch als Deutscher und als Germane und so weiter und so fort.
Natürlich auch dieser Richtung angeschlossen.
Und ich habe mich dann nicht geschämt, dass ich das war.
Ich konnte ja nichts dafür.
Aber ich habe es für mich behalten.
Ich konnte es niemandem sagen.
Deutsch immer. Auch heute noch.
Ich habe mich nie anders gefühlt.
Und es war für mich das Schlimmste, was man mir angetan hat,
als man mich aus der Wehrmacht dann...
auswarf.
Ich war damals in einer Situation, wo ich nahe dran war, mich zu erschießen.
Das muss ich sagen.
Die Deutschen waren ja wie in einer Massenpsychose.
Und die wurden zu Judenfeinden erzogen.
Und ich habe das mitgemacht.
Obwohl ich ja hätte wissen müssen, dass mich das eines Tages selbst trifft.
Eine schreckliche Erfahrung.
Der Mann in den Reihen forscht weiter.
Welche besondere Bewandtnis hat es in Deutschland mit dem Verhältnis von Juden und Militär?
Seine Gedanken gehen zurück bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts.
Damals hatten Juden noch keine staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.
Nur sehr wenige kämpften im Soldatenrock mit, als Napoleon die Preußen 1806 vernichtend schlug.
Napoleons Triumph und Preußens Niederlage führten zu einer neuen Landverteilung
und der Umgestaltung der gesellschaftlichen Veränderung.
Der preußische Staatskanzler von Hardenberg verfasste das
»Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden«.
Es wurde 1812 erlassen und erklärte die in einigen preußischen Provinzen lebenden Juden zu
»Einländern und preußischen Staatsbürgern«.
Aber König Friedrich Wilhelm III. wollte in Staatsämtern und im Militär keine Juden zulassen.
Doch als der Aufruf an alle Landeskinder erging, sich freiwillig am Befreiungskrieg gegen Napoleon
zu beteiligen, zeigten die Juden, wie sehr sie sich dem preußischen Staat bereits zugehörig fühlten.
Sie meldeten sich in großer Zahl und bewiesen damit Patriotismus und Integrationswillen.
Doch noch während der Befreiungskriege formiert sich in einem Teil der Gesellschaft Widerstand gegen die jüdische Emanzipation.
Deutlichen Ausdruck findet er in der »christlichen Tischgesellschaft«, einem Debattierclub der gebildeten Stände.
Zu ihnen gehören der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der preußische General Karl von Clausewitz und der Dichter Clemens Brentano.
Er bezeichnet in diesem Kreis die Juden als diese »von den ägyptischen Plagen übrig gebliebenen Fliegen«.
Und Fichte empfiehlt, allen Juden in einer Nacht die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee ist.
Solche Äußerungen bleiben nicht ohne Wirkung.
So macht die preußische Regierung nach dem Wiener Kongress 1815 in verschiedenen Provinzen des Landes wesentliche Rechte der Juden wieder rückgängig.
Die Karlsbader Konferenz, vier Jahre später, geht diesen Weg weiter.
Nur wer zum »Christentum« übertritt, hat danach überhaupt eine Chance auf eine Staatsstellung oder Offizierslaufbahn.
Das gilt auch für Menno Burg, einen außergewöhnlichen militärischen Lehrer,
der fast sein ganzes Leben lang um Anerkennung von Juden gefolgt hat.
Er kämpft um Anerkennung und Beförderung.
Premierleutnant, unser allergnädigster König stellt Ihnen avancement in Aussicht,
setzt jedoch voraus, dass Sie durch Ihre Bildung, Stellung und religiöse Überzeugung wohl bereits diejenige Annäherung zum Christentum in sich fühlen,
welche Sie dazu bewegen würde, durch förmlichen Übertritt zur christlichen Religion zugleich
jeden Anstoß zu Ihrer ferneren Beförderung aus dem Wege zu räumen.
Es wäre nur zu Ihrem Besten, mein Sohn.
Ich bin mir der Ehre bewusst, dass unser allergnädigster König meinem Anliegen Aufmerksamkeit schenkt.
Aber so wie ich meinem Vaterland und meinem König in unverbrüchlicher Treue diene, bleibe ich auch meinem Glauben treu.
Ich kann mich nicht taufen lassen.
Sie können Hauptmann der Artillerie werden, wenn Sie den christlichen Glauben annehmen.
Sie sind ein guter Offizier. Die Kameraden Ihrer Truppe schätzen Sie.
Ich habe meinen jüdischen Glauben.
Menuh Burg erreichte erst viele Jahre später doch noch, was er wollte.
Auf dem Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin findet Brian Rigg das Grab des einzigen preußischen Stabsoffiziers jüdischen Glaubens im 19. Jahrhundert.
Er starb als Major der Artillerie im Alter von 64 Jahren an der Cholera.
Sein Grabstein trägt eine deutsche und eine russische.
Und eine hebräische Inschrift.
Doch für die Mehrzahl der integrationswilligen Juden vergehen nach den Befreiungskriegen noch mal fast 60 Jahre,
in denen sie zwar an allen Kämpfen teilnehmen, aber nicht die volle Gleichberechtigung erlangen.
Vor allem können sie keine aktiven Offiziere werden.
Erst im deutsch-französischen Krieg von 1870 können sich jüdische Soldaten über den Militärdienst,
weitgehend unbelastet durch Vorurteile und Anwürfe gegen ihr Judentum,
in die deutsche Gesellschaft eingliedern.
Viele von ihnen werden ausgezeichnet und zu Reserveoffizieren befördert.
Eine kurze Zeit lang sieht es so aus, als sei ihre Emanzipation endlich gelungen.
Seine Professorinnen in Yale wollen Brian nicht glauben,
dass er mehr als ein paar ungewöhnliche Einzelfälle deutscher Wehrmachtssoldaten jüdischer Herkunft finden werde.
Doch er recherchiert weiter.
In seinem zweiten Deutschland-Aufenthalt 1994 interviewt er schon im ersten Monat 30 Männer.
Er nimmt die Gespräche mit Tonband und Videokamera auf und erhält Fotos,
Ausweise, Zeugnisse, militärische Unterlagen, Briefe und Tagebücher.
Seine Gewissheit, hier auf eine unerzählte deutsche Geschichte gestoßen zu sein,
wächst mit jedem dokumentierten Fall.
Helmut Kopp, Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters,
wurde 1922 in Ostpreußen geboren.
Als seine Eltern 1918 gegen den Willen der jüdischen Familie heirateten, war der Vater Soldat.
Die junge Frau erkrankte bald darauf an Tuberkulose, brachte aber in fünf Jahren fünf Kinder zur Welt.
Helmut, das dritte, war der einzige Sohn.
Die Mutter starb 1925, da war er dreieinhalb Jahre alt.
Bald wurde die Familie geteilt.
Die blonden Geschwister kamen zu den christlichen Verwandten, die dunkelhaarigen zu den jüdischen.
Helmut war nicht blond und so begann für ihn eine lange Leidenszeit.
Sie wollten einen beschneiden, aber die Eltern, also der Vater, christlicherseits, hatte es nicht zugelassen.
Und es gab von Seiten der Mutter, die Großeltern, gab es große Spannung.
Mein Großvater, Luis Kaulbachs, der hatte eine, ich weiß auch nicht, also jedenfalls, wenn er mich gesehen hat,
da hat er einen Siebenstrahl geholt.
Das war so eine Knute mit sieben Riemen und Knoten am Ende.
Und die hat er mir dann jedes Mal nicht über den Körper, sondern über den Kopf rübergezogen.
Und hat gesagt, du Gäu.
Rolf von Südow, Theater- und Filmregisseur, wäre wohl Offizier geworden.
Rolf von Südow, Theater- und Filmregisseur, wäre wohl Offizier geworden.
Wenn die Nazis ihn nicht als Mischling zweiten Grades etikettiert und von dieser Karriere ausgeschlossen hätten.
Er wuchs in einem kultivierten, großbürgerlichen Elternhaus auf und hatte eine besonders enge Beziehung zu seiner Mutter.
Doch mit den Mischlingsgesetzen kam die Verunsicherung auch in seine behütete Kindheit und Jugend.
Jüdisch war meine Mutter ein sogenannter Mischling ersten Grades, also Halbjüdin, wie auch immer das ist.
Ihr Großvater, also der Salientätzeit, ihr Vater war nicht arisch.
Aber natürlich nicht jüdisch, sondern er war bereits ähnlich wie seine Eltern bereits, seit 1820 waren sie Christen.
Väterlicherseits sind wir, also ich weiß nicht, bis 1240 sind wir adlig oder so.
Und ich wäre natürlich, bin aufgewachsen in der Tradition einer Offiziersfamilie.
Alle meine Vorfahren waren entweder Beamte oder sie waren Leute im diplomatischen Dienst.
Oder sie waren Offiziere im Heer.
Als ich noch ein Kind war, bekam ich eine Offiziersuniform angemessen.
Ich trug die Pickelhaube meines Onkels Walter und hatte die Schulterstücke eines Opas Leutnants und war ganz stolz natürlich, diese Uniform tragen zu dürfen.
Und dann, wie 33 kam, wollten sie mich in ein Heim stecken, ein jüdisches Kinderheim.
Aber ich sollte vorher beschnitten sein.
Und dann ging vier Monate ungefähr der Trabbel los.
Mit der, mit dem Jude sein oder nicht Jude sein.
Und die jüdische, das jüdische Kinderheim, das wollte nur beschnitten haben.
Also was war, ich habe dann doch nach vier Monaten im Kampf dann zugestimmt.
Aber ich hatte endlich, hatte ich das Gefühl, jetzt habe ich ein Zuhause.
Werner Goldberg.
1919 in Berlin zur Welt gekommen.
Wurde getauft und protestiert.
Wurde getauft und protestantisch erzogen.
Der aus einer jüdischen Familie stammende ostpreußische Vater war bereits im Alter von 21 Jahren konvertiert.
Die Mutter kam aus evangelischem Hause in Schlesien.
Werner war begeisterter Pfadfinder.
Da sein jüdischer Großvater früh verstorben war, hatte Werner auch in der Kindheit kaum Berührung mit dem Judentum.
1933 wurde dann die Pfadfinderschaft, so hat es sich geändert.
Die Pfadfinderschaft so halb in die HJ aufgenommen.
Und es wurden Hakenkreuzabzeichen verteilt, die an die Käppis angebracht werden sollten.
Und das behagte mir nun gar nicht.
Und ich wurde dann 1934, als diese Übernahme in die Hitlerjugend erfolgen sollte, aufgefordert,
meine Mitgliedschaft zu beenden.
Und das habe ich also schweren Herzens dann machen müssen.
Ich weiß, dass ich damals bittere Tränen geweint habe.
Am Bahnhof Grunewald immer um den Platz geradelt bin und geweint habe.
Konnte mich aber niemandem mitteilen.
Diese Ausschuss-HJ war ein großer Schock für mich.
Weil in dem Alter konnte man gar nicht verstehen, warum.
Ich hatte große Probleme dann später, weil ich mich immer argwöhnisch beobachtet habe,
wie weit ich denn jüdisch aussehen würde.
Es gab eine Konditorei in Wiesbaden, da gab es eine Möglichkeit,
wenn man diagonal über die Straße ging, konnte man sich richtig herumsehen.
Das waren zwei Spiegel, die sich so trafen.
Und da bin ich fast jeden Tag hingegangen und bin diagonal über die Straße gegangen,
weil ich wissen wollte, wie ich nun wirklich aussehe.
Ich weiß das.
Ich bin ins Jungvolk eingetreten, bin dann ganz schnell befördert worden.
Meine Heimabende waren die besten und wurde dann ganz schnell befördert.
Zum Jungzugführer wurde dann wieder, weil ich es verschwiegen hatte, entdeckt
und wurde dann natürlich ausgeschlossen auch wieder.
Aber ich war also darüber, das war natürlich verzweiflungsvoll.
Ich glaube schon, dass ich eben aus dem Jüdischsein mich irgendwie minderwertig fühlte in der Schule.
Ja, ich glaube, ich sehe nicht besonders jüdisch aus.
Obgleich ich später sehr oft Herr Einstein genannt werde,
denn ich habe eine entfernte Ähnlichkeit mit Albert Einstein.
Aber als junger Mensch wohl nicht.
Und das, was an mir jüdisch ist, in meinem Verhalten oder gewesen ist,
habe ich mir bewusst aberzogen, möchte ich sagen.
Sowohl das Lispeln in meiner Aussprache als auch vielleicht meine körperliche Haltung.
Oder auch vielleicht...
Oder vielleicht gibt es auch sonst noch Jüdischkeit,
die ich mir in meiner Ausdrucksweise, die ich mir bewusst aberzogen habe.
Jedenfalls ist bei mir, meiner Erinnerung nach,
nie die Frage nach meiner Abstammung auch im Freundeskreis aufgetreten.
Ich wurde gemieden.
Und als dann die Zeit kam, wo man als junger Mann,
so mit 18, 19 Jahren, sich auch mal für das andere Geschlecht interessiert
oder zu Beginn zu interessieren,
und ich mal irgendwie hier und da eine Freundin hatte,
dann hat man immer gleich dann zu diesem Mädchen gesagt,
du kannst doch nicht mit einem Juden gehen.
Und das war natürlich dann immer gleich so ein Anfang vom Ende.
Und das hat mich doch schon sehr stark bewegt.
Je mehr ich Leute interviewt habe, desto mehr habe ich herausgefunden,
sehr bald, dass ich eine große Verantwortlichkeit hätte.
Als diese Leute ihre Seele geöffnet haben,
sie weinten mit mir, ihre tiefsten Gefühle,
Dinge, die nicht ihre Ehefrau gesprochen hat, mit mir gesprochen hat.
Ich bin verpflichtet jetzt, diese Geschichte zu schreiben.
Viele Leute haben gesagt, ja, es gibt kein Denkmal für die Halbjüdin, für die Vierteljüdin.
Und sie sagen, ja, jetzt, vielleicht, sie sind unsere Chance.
Sie sind unsere Möglichkeit, das in die Öffentlichkeit zu bringen.
Und da haben wir die ganze Messpurke.
Die sind alle tot, die haben die Nazis umgebracht.
Bis auf ich, ich lebe noch, da bin ich.
Günter Karlauch, Abkömmling einer großen jüdischen Familie,
heißt eigentlich David Erzmann.
Aber das weiß außer ihm kaum jemand.
Denn als er im Mai 1933 seinen neuen Namen erhielt,
war der Vater, ein jüdischer Kommunist und Beschneider,
von den Nazis bereits in ein KZ verschleppt worden.
Er kennt ihn gar nicht.
Und auch nicht sein richtiges Geburtsdatum.
Denn die ebenfalls jüdische Mutter floh mit dem kleinen Jungen in die Oberlausitz.
Dort stellte ein evangelischer Geistlicher den beiden falsche Papiere aus.
Auch das Geburtsdatum des zierlichen Sohnes wurde um etwa zwei Jahre später angegeben.
So kam Günter erst mit acht Jahren in die Schule.
Und schaffte ohne Probleme auch noch das Gymnasium.
1900, ich glaube 1937,
war dann das Jugenddienstpflichtgesetz.
Und da mussten alle Jugendlichen hinterhergezahlt werden.
Und meine Mutter hat gesagt,
natürlich gehst du da hin.
Sie hat auch gesagt,
du musst immer das sagen, was die anderen nicht hören wollen.
Also ich glaube, aus heutiger Sicht war das schwierig.
Es ist in der Tat ein Doppelleben gewesen.
Es hat mir sicher Schwierigkeiten gemacht.
Es hat mir sicher Schwierigkeiten gemacht.
Es hat mir sicher Schwierigkeiten gemacht.
Und hat Überlegungen gekostet.
Und ich war da sicher manchmal im Zuspalt.
Hatten Sie Angst?
Ja, ich habe leider heute noch Angst.
Ja, das stimmt.
Damals Angst um meine Mutter.
Um mich selbst hatte ich Angst.
Habe ich manchmal heute noch.
Brian hat inzwischen viele Schicksale mit ihren Widersprüchen kennengelernt.
Nun will er versuchen, die Hintergründe zu verstehen.
Damals habe ich gedacht,
nur ein klein bisschen jüdische Abstimmung
war der Mensch vernichtet.
Aber jetzt habe ich gesehen,
dass Rasse, wie die Nazis das genannt haben,
zu definieren, wie ein Jude war,
war ganz, ganz kompliziert.
Und dass diese sogenannte Michelin Geschichte zeigt,
wie kompliziert Leben während des Dritten Reichs eigentlich war.
Brian fährt nach Nürnberg.
Dorthin, wo sich der Nationalsozialismus,
in seinen ersten Jahren, am bedrohlichsten präsentierte.
Auf dem einstigen Parteitagsgelände,
das halb verfallen heute als Kulisse für Popkonzerte genutzt wird,
fanden die gewaltigen Demonstrationen
eines gnadenlosen Machtwillens statt.
Ratlos steht der junge Texaner inmitten der Monumentalbauten.
In dieser Stadt wurden 1935
auch die sogenannten Nürnberger Gesetze formuliert,
die Hitlers Wahnidee von einer künftigen deutschen Herrenrasse
durchsetzen sollten.
Reichsbürger war danach nur der Staatsangehörige
deutschen oder artverwandten Blutes.
Ein Jude konnte nicht Reichsbürger sein.
Nach dem Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes
und der deutschen Ehre waren zudem Ehen zwischen Juden
und sogenannten deutschblütigen Personen verboten.
Außerehrliche Liebesverhältnisse zwischen ihnen
wurden als Rassenschande verfolgt.
Und auch die betroffenen Familien reagierten darauf oft ablehnend.
Viele von diesen Leuten, die sogenannte jüdische Mischlinge sind,
sie sind zu ihren jüdischen Verwandten gegangen in den 30er Jahren
und haben gesagt, bitte Hilfe, ich möchte nach USA gehen
oder England gehen, aber ich brauche Geld.
Und die Leute würden sagen, nein,
ihre Mutter hat einen Goy, einen Christen geheiratet,
wir möchten nichts mit ihnen zu tun haben.
Dann sind sie zu ihrer christlichen Familie gegangen,
ihrer sogenannten arischen Familie,
und haben gesagt, bitte, hilf mir.
Und die arische Familie sozusagen hat gesagt,
nein, ihr Vater hat einen Juden geheiratet,
sie sind jüdisch, weg mit ihnen.
Und so, das ist nicht für jeden Menschen,
den ich dokumentiert habe, der Fall,
aber viele haben solche Schicksale hinter sich.
Viele von diesen Leuten, sie waren ignoriert.
Wo passen sie?
Sind sie Täter oder sind sie Opfer?
Nach 1933 sah es zunächst so aus,
als seien sogenannte Mischlinge genauso wie jüdische Fronten
aus dem Ersten Weltkrieg von den Diskriminierungen
durch den ARIA-Paragrafen nicht betroffen.
Öffentliche Hetze sorgte aber schon bald dafür,
dass zwischen Juden und sogenannten Halb- oder Vierteljuden
immer weniger unterschieden wurde.
Man muss nicht vergessen, dass im Ersten Weltkrieg
100.000 deutsche jüdische Soldaten haben gedient.
12.000 sind sogar gefallen.
Diese Leute, sie kommen von einer sehr reichen militärischen Tradition.
Und sie haben das nicht anders gesehen,
als was zu dienen in der Wehrmacht,
als was ihr Vater und ihr Großvater und so weiter getan haben.
Auch der Kaufmann Richard Stern glaubte sich deshalb im Recht,
als er sich beim ersten Boykott jüdischer Geschäfte
am 1. April 1933 mutig in die Tür seines Ladens stellte
und seiner Empörung Luft machte.
Deutsche, Frontkameraden, muss ich mich hier öffentlich beleidigen lassen?
Ich habe wie ihr als guter Deutscher für dieses Vaterland gekämpft.
Und jeder, der im Dritten Reich einen Frontsoldaten beleidigt,
wird mit Zugstaff bestraft, hat unser Reichskanzler Adolf Hitler gesagt.
Hört, hört, der Jud will ein guter Deutscher sein.
Diese Juden, Frontkämpfer?
Die sind doch viel zu feige.
Komm, lass uns weitergehen, das ist doch empörend.
Papa, warum ist der Mann so böse?
Das verstehst du noch nicht.
Komm jetzt, das erkläre ich dir später.
12.000 deutsche Frontsoldaten jüdischen Glaubens sind gefallen.
Diese Aktion gegen das gesamte Judentum ist eine Schändung ihres Andenkens.
Deutsche, schützt eure jüdischen Mitbürger.
Aber auch Leo Löwenstein, Hauptmann der Reserve
und Vorsitzender des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten,
verkannte die Situation gründlich.
Noch 1934 appellierte er an Hindenburg,
die patriotischen jüdischen Soldaten nicht aus der Reichswehr auszuschließen,
sondern ihre bedingungslose Einsatzbereitschaft
auch für das neue Deutschland anzuerkennen.
Ohne Erfolg.
Bis in die ersten Kriegsjahre hinein
konnten Mischlinge 1. und 2. Grades
zwar als einfache Mitglieder in der Hitlerjugend sein,
mussten den Reichsarbeitsdienst ableisten
und durften in der Wehrmacht dienen.
Versagt waren ihnen jedoch Führungsaufgaben auf allen Ebenen.
Erst nach 1940 wurden die sogenannten Halbjuden
nicht mehr zum Dienst an der Front eingezogen.
Und aus der Wehrmacht entlassen.
Viele von ihnen sind danach in die Zwangsarbeitslager
der Organisation Todt geschickt worden,
wo nur ein Teil überlebte.
Aber zunächst verfolgte jeder seine eigene Strategie, um durchzukommen.
1939 war Volksheilung und da hatten die Nazis,
damit sie wissen wollen, wie viele Juden noch da sind.
Aber das wussten wir damals ja nicht.
Denn jeder Dings hat bekommen.
Da stand nur eidesstattliche Erklärung.
Hiermit erkläre ich, dass ich vollarische Großeltern hatte.
Habe ich auch geschrieben.
Unter Eidesstatt, Helmut Kopp, abgegeben.
Ich habe nie Papiere ausgefüllt.
Im Nachhinein hatte ich den Eindruck,
dass die Wehrmacht sich um diese Dinge nicht sehr gekümmert hat.
Erst nach meiner Verwundung wurde das in der Komponente,
vorher nicht bekannt.
Sonst hätte ich ja vorher entlassen werden müssen.
Nach ein paar Tagen bekam ich den Fragebogen zurück
mit einem Schreiben vom Heerespersonalamt,
dass er nicht voll ausgefüllt sei.
Und ich solle ihn vervollständigen.
Und da habe ich diesen anderen Punkt, der noch offen war,
habe ich dann vervollständigt.
Aber diese Frage, ob er nach meiner Abkunft kommt,
habe ich offen gelassen.
Und ich wurde dann mit all den anderen,
mit all den anderen zum Offizier, zum Leutnant befördert,
ohne dass es noch mal zu einem Fragebogenaustausch gekommen wäre.
Ein Jahr später, 40 im August, September,
bekomme ich einen Musterungsbefehl.
Dann haben sie eingeguckt.
Was haben Sie denn da?
Ich war der Erste.
Und da gucke ich runter und sage, meinen Sie das?
Und zeige ich da auf mein Glied.
Ich sage, ich hatte Phimose gehabt.
Haben Sie aber gleich gesehen, nicht?
Dann ist der eine aufgestanden, so ein Doktor.
Hm, sehr schön gemacht, sagt er.
Und dann ist er wieder zurückgetreten.
Und das war alles.
Und das hatte ich meine ganze Militärzeit,
wenn wir Gesundheitsabfälle haben.
Ja, dann habe ich das immer,
also, dann haben sie das zum Vorbild gemacht
und haben gesagt,
nehmt euch ein Vorbild an den Gefährten Kopp.
Der hat immer ein sauberes Glied.
Ja, der hat ja auch einen Judenpimmel,
haben sie dann gesagt.
Die Gruppe immer, nicht?
Das war ja die große Angst dann bei der Musterung,
dass da meine Beschneidung herauskommt,
mein Jüdischsein herauskommt.
Aber es war gar nicht so.
Als ich dann zur Musterungsbehörde kam,
habe ich selbstverständlich gesagt,
ich sei aber in der und der Situation,
das heißt also jüdischer Mischling ersten Grades,
ob man mich denn überhaupt nehmen würde.
Und ich sehe noch,
wie diese fünf Leutchen da vor mir sitzen,
die Hände heben und sagen,
ach, Leute mit ihrer Figur,
warum selbstverständlich nehmen wir sie?
Ist doch klar.
Na ja, und dann habe ich auch geglaubt,
dass das so in Ordnung geht.
Jeder wollte halt dazugehören
und jeder wollte sich auszeichnen.
Und natürlich war das, ich war stolz.
Ich bin dann später als Soldat,
als ich da zurückgekommen war,
bin ich dann noch mit dem EK
in der schwarzen Panzeruniform gegangen
und bin mit meinem Großvater,
der inzwischen schon den Judenstern tragen musste,
der aber immer ein Buch zur Tarnung so davorhielt,
bin ich über die Straßen in Wiesbaden gegangen
und habe gesagt, nun sagt mir doch mal irgendetwas,
ich werde es euch schon zeigen.
Also das war ganz stark.
Wobei das natürlich auch eine Sache war,
die mein Vater mir mit auf den Weg gegeben hat.
Der hat mir gesagt, Junge,
wir leben unter ganz besonderen Bedingungen,
und die sind sehr schwer für uns
und du musst sehen, dass du nicht aneckst.
Also erfülle deine Aufgaben mit dem besten Wissen und Können
und mach nicht mehr als das
und dränge dich nicht nach vorne.
Ich habe ihm versprechen müssen,
als ich dann Soldat war,
dass ich mich nie zu irgendeinem Einsatz
freiwillig melden sollte.
Freiwillig wäre ich nie zum Soldaten gegangen.
Aber hier hatte ich ja gar keine Wahl.
Ich muss das aber als positiv sehen,
dass man mich eben gleichstellt mit allen anderen
und wir eigentlich keine Angst vor irgendwelchen Schwierigkeiten
in der Nazi-Zeit.
Wir hatten fest die Hoffnung,
damit ist eigentlich alles geklärt.
Die Begegnungen mit den deutschen Soldaten jüdischer Herkunft
haben den Amerikaner Brian Rigg nachdenklich gemacht.
Unsere Vorstellung ist sehr geprägt
durch die militärischen Filme
und auch die historischen Dokumentärfilme.
Das Filmhaus hat originale Quellen aus dem Nazi-Reich benutzt.
Und deswegen hat es uns geprägt.
Viele Leute haben gedacht,
die Deutschen sind groß, blond,
alle waren Nazis damals.
Und als ich hierher gekommen bin
und ich habe angefangen,
Deutschen kennenzulernen,
auch als ich diesen Film gesehen habe
über Schlomo Perel
und auch von Peter Milius
viel über das Dritte Reich erfahren.
Ich habe gesehen,
dass nicht jeder Deutsche ein Nazi war.
Und auch ich habe angefangen zu sehen,
dass nicht jeder Mensch,
der damals eine deutsche Uniform getragen hat
mit einem Hakenkreuz,
war ein überzeugter,
nationalsozialistischer Mensch.
Und so habe ich gedacht,
die Geschichte ist nicht so schwarz-weiß,
wie es früher zu mir gesagt war,
wie ich früher darüber gedacht habe.
Viele Leute möchten ihre Geschichten
als schwarz-weiß ansehen,
weil das ist sehr einfach.
Aber die Geschichte ist nicht einfach
und keine Geschichte ist schwarz-weiß.
Viel Grau dabei.
Sogenannte jüdische Mischlinge
hatten nach dem Wehrgesetz von 1935
aktiven Militärdienst zu leisten.
Aber sie konnten keine Vorgesetzten werden.
Dennoch meldeten sich viele von ihnen freiwillig,
weil sie hofften,
auf diese Weise ihre Tapferkeit und Verbundenheit
mit dem Vaterland beweisen
und so mit ihren Angehörigen
der Verfolgung und Diskriminierung
entgehen zu können.
Dem Führer und obersten Befehlshaber der Wehrmacht,
Adolf Hitler, schien die Lösung der Rassenfrage
selbst noch auf dem Höhepunkt des Krieges
mehr wert zu sein als der militärische Sieg.
Trotzdem gewährte er Hunderten von Mischlingssoldaten
in hohen Positionen Ausnahmegenehmigungen
für den Verbleib in der Wehrmacht.
Oder er arisierte sie,
indem er sie per Federstrich für deutschblütig erklärte.
Das hängt möglicherweise mit seiner eigenen,
im Dunkeln gebliebenen Herkunft zusammen.
Hitler fürchtete nämlich,
dass sein unbekannter Großvater väterlicherseits ein Jude war.
Zwar gibt es bis heute keine zuverlässigen Dokumente darüber.
Fest steht jedoch, dass zu Hitlers Lebzeiten
das strikte Verbot galt, dieser Vermutung nachzuforschen.
Darüber hinaus wollte der oberste Kriegsherr
aber auch nicht auf tüchtige Soldaten
und treue Parteimitglieder verzichten.
Zumal viele sogenannte Mischlinge,
die selbst im christlichen Glauben erzogen waren,
von ihrer angeblich rassischen Minderwertigkeit
erst durch die Nürnberger Gesetze erfuhren
und ihre längst assimilierten Familien
zumeist verständnislos und empört auf die Ausgrenzung reagierten.
Unvorstellbar, aber wahr.
Bis fast zum Ende des Krieges
saß der oberste Kriegsherr immer wieder vor Gesuchen,
prüfte Fotos, las Lebensläufe und militärische Beurteilungen
und entschied, wer es wert war,
in die Gesellschaft der arischen Herrenmenschen aufzugehen.
Manchmal verwandten sich auch Mütter für ihre Söhne,
so die Jüdin Clara von Mettenheim,
die gute Beziehungen zu ranghohen Militärs hatte.
Doch nur einer ihrer vier Söhne
erhielt Hitlers Ausnahmegenehmigung
zum aktiven Dienst in der Wehrmacht
und keiner die Deutschblütigkeitserklärung.
Hitlers Theorie von den vererbten Blutanteilen folgend,
mussten die Bewerber alle äußerlichen Merkmale
eines Arias aufweisen.
Das heißt, sie durften auf keinen Fall
jüdisch aussehen.
So kam es immer wieder zu der grotesken Entscheidung,
dass Brüder oder Vettern einer Familie
unterschiedlich behandelt wurden.
Hatte sich nach Hitlers Ansicht in einem Fall
der arische Elternteil erblich durchgesetzt,
im anderen Fall aber der jüdische,
so wurde nur der eine für deutschblütig erklärt.
SA-Sturmführer Hans Sander war Vierteljude
und Träger des goldenen Parteiabzeichens.
Er durfte in der Nazi-Partei bleiben
und erhielt mit der Deutschblütigkeitserklärung
alle Rechte eines Bürgers im nationalsozialistischen Staat.
Sieben Jahre lang kämpfte der halbjüdische,
aus der Reichswehr entlassene Oberleutnant Ernst Prager darum,
für deutschblütig erklärt zu werden.
Er wollte wieder aktiver Offizier sein
und seine arische Verlobte Hella heiraten können.
Ende 1941, als er schon fast verzweifelte,
war es dann endlich so weit.
Hoch dekoriert und für deutschblütig erklärt,
wurde auch der halbjüdische Ritterkreuzträger Walter Holländer.
Es waren Tausende, die auf diese Weise arisiert wurden,
manche perfiderweise erst, nachdem sie im Krieg gefallen waren.
In einer, wie es heißt,
nur für den Dienstgebrauch bestimmten Liste,
sind jene aktiven Offiziere aufgeführt,
die selbst oder deren Ehefrauen
vom Führer für deutschblütig erklärt worden waren.
An Widerstand war nicht zu denken.
Persönliches Gropel gab es selten.
Zu den bekanntesten Arisierungen
gehörte der Luftwaffengeneral Helmut Wilberg.
Ein für Hitler unentbehrlicher, wenn auch unpolitischer Mann,
der das Konzept der Luftwaffe für den Blitzkrieg entwickelt hatte.
Ebenso als prominentester Mischling in der Hierarchie der Wehrmacht,
der Generalfeldmarschall Erhard Milch.
Ritterkreuzträger Milch war Nationalsozialist
und der Vertreter Görings in der Luftwaffe,
deren Aufrüstung er seit 1933
höchst erfolgreich aufgebaut hat.
Gering konnte auf ihn,
den gescheiten, eifrigen Parteigänger,
nicht verzichten.
Über ihn, dessen jüdische Abstammung bekannt war,
soll er gesagt haben,
wer Jude ist, bestimme ich.
Milch wurde nach dem Krieg
zu lebenslanger Haft verurteilt,
1954 jedoch begnadigt.
Danach beriet er bis zu seinem Tod 1972
die deutsche Luft- und Raumfahrt.
Seine Arisierung verlief besonders spektakulär.
Seine Mutter,
eine Arierin,
erklärte, alle ihre sechs Kinder
seien nicht von ihrem jüdischen Ehemann,
sondern von ihrem Onkel und Liebhaber,
dem damals bereits verstorbenen
arischen Baumeister Karl Breuer,
gezeugt worden.
Ironie am Rande,
von der Nazi-Propaganda wurde das Konterfei
des Halbjuden Werner Goldberg
als Bild des idealen deutschen Soldaten
in einem NS-Blatt weit verbreitet.
Unteroffizier Emil Lux, ein Halbjude,
verlor an der Front einen Arm
und wurde mit dem eisernen Kreuz
und dem silbernen verwundeten Abzeichen ausgezeichnet.
Danach entließ man ihn als wehrunfähig aus der Armee.
Fast immer gewährte Hitler schwerversehrten
die Deutschblütigkeitserklärung.
Lux überlegte, ob er sie beantragen sollte
und zögerte, weil er seine jüdische Abstammung
bisher verschwiegen hatte.
Doch dann wurde seine Mutter,
die sich schon bei ihrer Heirat hatte taufen lassen, deportiert.
Ich bin dann in voller Uniform nach Berlin gefahren,
mit eiserem Kreuz und so weiter,
zur Gestapo in Berlin
und hab versucht, meine Mutter zu,
dass sie frei kommt.
Das wurde glatt abgelehnt.
Meine Mutter erzählte mir nach dem Krieg,
dass in Berlin auch eine Jüdin war.
Der Sohn war Kampfflieger
in Norwegen, bekam den Polymerit
und wurde als deutschblütig erklärt
und die Mutter gleichzeitig ins KZ eingeliefert.
Eine ganz unglaubliche Sache.
Bei mir war die Deutschblütigkeitserklärung
wahrscheinlich nicht möglich,
weil meine Familie,
sondern mein Vater,
sehr kritisch gegenüber den Nazis eingestellt war.
Das war bekannt.
Ich hab in Wien während des Studiums
einen Antrag gestellt,
bei dem Wehrbezirkskommando.
Der ging dann über Monate
und wurde eines Tages abgelehnt.
Nach Rücksprache mit der örtlichen Parteiorganisation.
Helmut Schmöckel war als Fähnrich zur See
wegen seiner halbjüdischen,
aber getauften Mutter aus der Kriegsmarine entlassen worden.
Sein arischer Vater reichte für Frau und Sohn
ein Gnadengesuch ein.
Der bei seinen Kameraden anerkannte,
dass der leidenschaftliche Marinesoldat Helmut
war zutiefst deprimiert durch das Geschehen.
Mein Vater wurde im Jahre 1935
vom Major ade wieder reaktiviert,
wurde Oberstleutnant
und musste nun für eine Generation früher
den arischen Nachweis nachreichen.
Dadurch kam man auf diese
aus jüdischen Familien stammende Zweig der Familie.
Hitler entschied positiv im Fall von Helmut Schmöckel.
Als Leutnant konnte er seinen Dienst
bei der Kriegsmarine wieder aufnehmen,
stieg zum U-Boot-Kommandanten auf,
kämpfte bis Kriegsende
und erhielt das Eiserne Kreuz beider Klassen.
Meine Mutter hat eine Bescheinigung bekommen,
dass sie für deutschblütig erklärt worden ist.
Für mich war damals die Episode abgeschlossen.
Ich war Deutscher.
Ich war deutscher Offizier.
Es war Krieg.
Was mich dransetzte, war den Krieg zu gewinnen.
Als Offizier meine Pflicht zu tun.
Und was anderes habe ich nicht gedacht.
Wie ich das gelesen habe in den Büchern
und über die Deutschblütigkeit,
also ich würde es nie tun.
Deswegen, man verkauft sich ja.
Man verkauft seine Geburt.
Also die Geburt eines
Halbjuden oder Juden.
Ist egal was.
Aber sowas würde ich nicht tun.
Der junge texanische Historiker Brian Mark Grigg,
der zufällig auf das Thema
der Wehrmachtssoldaten jüdischer Herkunft gestoßen ist,
kehrt zwischen seinen Studien in Yale und Cambridge
immer wieder nach Deutschland zurück,
um dieses bisher ungeschriebene Kapitel
deutscher Geschichte zu erforschen.
Nach fünf Jahren Recherche
hat er 430 Gespräche mit sogenannten
Mischlingen oder ihren Angehörigen geführt
und 500 Stunden davon aufgezeichnet.
Eine Jahreskarte der Bahn,
deren Barteseele manchmal für ihn zum Schlafraum werden
und sein Fahrrad bringen ihn in die kleinsten Winkel Deutschlands.
Bäche ersetzen das Bad und Wiesen das Hotelzimmer.
30.000 Dokumente hat er schließlich gesammelt
und viele ungewöhnliche Bekanntschaften geschlossen.
Die Geschichten der Veteranen lassen ihn auch im Traum nicht los.
Manche jüdische Familienchronik reicht,
so hat Brian festgestellt, bis weit ins 19. Jahrhundert zurück.
Eine dieser Chroniken schildert das Schicksal
der Fabrikantenfamilie Heidenheim aus Chemnitz.
Sie berichtet, dass Urgroßvater Professor Philipp Heidenheim
seinen Landesherren bereits im Bürgerkrieg von 1848 schützte.
Der Rabbiner wurde mit Orden ausgezeichnet und war hoffähig.
Und so wächst Großvater Gustav Heidenheim
zu einem deutsch-jüdischen Patrioten
in einem national-konservativen Elternhaus heran.
Da ist es für den 20-Jährigen auch selbstverständlich,
im Jahre 1870 freiwillig in den deutsch-französischen Krieg zu ziehen.
Er schlägt sich tapfer, erhält mehrere Orden
und wird schließlich schwer verwundet.
Ein Schicksal, das seine ganze Zukunft überschatten wird.
Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg
beendet er seine kaufmännische Ausbildung,
zieht nach Chemnitz und gründet dort
eine Handschuh- und Strumpffabrik.
Als erfolgreicher Kaufmann wirbt er im Alter von 30 Jahren
um die 13 Jahre jüngere Rosalie
aus der jüdischen Unternehmerfamilie Oppenheim.
Sie heiraten 1883.
Im gleichen Jahr erhält Gustav
das begehrte Bürgerrecht der Stadt Chemnitz.
Er hat es geschafft.
Rosalie und er bekommen kurz hintereinander sieben Kinder,
darunter fünf Jungen,
die der Vater zu kaisertreuen Patrioten erzieht.
An Sohn Hans schickt er einmal eine Postkarte,
die seine Gesinnung ausdrückt.
Von irgendwelchen Diskriminierungen der Familie
wegen ihres Judentums ist niemals die Rede.
So kann auch Gustav Heidenheims Freitod im Alter von 49 Jahren
nur auf die unerträglich gewordenen Schmerzen
als andauernde Folge seiner Kriegsverletzung zurückgeführt werden.
Ehefrau Rossel überlebt ihn um 38 Jahre.
Sie bleibt allein mit ihren sieben Kindern,
die sie weiterhin im Sinne des Vaters erzieht.
Alle fünf Jungen leisten freudig Militärdienst,
streben nach Beförderung
und erhalten die besten Beurteilungen ihrer Vorgesetzten.
Doch der Antisemitismus in der wilhelminischen Gesellschaft
ist stärker als der politische Liberalismus
am Ende des 19. Jahrhunderts.
Und die öffentliche Meinung wird immer mehr von Schriften
wie denen des Historikers Heinrich von Treitschke beeinflusst,
der bereits 1879 den fatalen Satz prägte,
die Juden sind unser Unglück.
Ihm assistiert nun der antisemitische Hofprediger Adolf Stöcker
mit zahlreichen Pamphleten, in denen er den Juden den Kampf ankündigt,
bis sie heruntergestürzt sind in den Staub, wohin sie gehören.
Wie demütigend der Umgang mit jüdischen Soldaten in der Armee war,
musste in dieser Zeit auch der Rittmeister
und spätere Berliner Polizeifizipräsident Bernhard Weiß persönlich erfahren.
Schon gehört, Kamera? Ist sie Juden halt?
Na, dann pass mal auf.
Im Schützengraben. Der Feind greift an. Alle stürmen los.
Nur Kohn, der Jude, der geht in die andere Richtung.
Der Leutnant hinterher stellt ihn. Der Feind ist da vorne gefreiter.
Kohn entrüstet. Na, man wird doch wohl noch einen angemessenen Anlauf nehmen dürfen, oder?
Was'n los, Weiß? Nimm's doch nicht so persönlich.
Er spricht 1914 der Krieg aus. Kaiser Wilhelm II. braucht alle wehrfähigen Männer
und ruft seinen Untertanen vom Balkon seiner Residenz zu.
Auf zu den Waffen. Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande.
Ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche.
Wohl noch nie sind Soldaten und unter ihnen 100.000 jüdische Bürger
so begeistert und nationalstolz in einen Krieg gezogen.
Ihn aufrufen und Bekenntnissen.
Sie beschwören ihre vaterländische Gesinnung.
Auch in den Synagogen wird für den Sieg der deutschen Waffen gebetet.
Und die jüdische Rundschau formuliert pathetisch
Deutsche Juden, wir rufen euch auf im Sinne des alten jüdischen Pflichtgebots
mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen euch dem Dienste des Vaterlandes hinzugeben.
So wie der Militärdienst schon ein Jahrhundert lang die Hoffnung der deutschen Juden
auf ihre gesellschaftliche Anerkennung lehrte,
so glauben sie auch jetzt, dass ihr Patriotismus ihre endgültige Integration bewirken wird.
Noch spielt die Rasseideologie im Antisemitismus jener Jahre kaum eine Rolle.
Aber unterschwellig geht es bereits um Eigenschaften und Äußerlichkeiten.
So schreibt der Rexinger Fliegerleutnant Josef Zirndorfer in sein Testament
Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen,
aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung
meiner Glaubensbrüder zu erstreiten.
1915 stürzt er mit seiner Maschine ab.
Ebenso stolz wie siegessicher ziehen auch alle fünf Brüder Heidenheim in den Krieg.
Bruno, Walter und Werner melden sich 1914 sofort freiwillig.
Der 25-jährige Walter und der erst 21-jährige Werner kommen in dieselbe Kompanie.
An der Westfront in Belgien fiebern sie ihrem ersten Einsatz entgegen.
Das wir stets zusammenhalten wollen, haben wir uns gelobt, notiert Walter in sein Tagebuch.
Während des beginnenden Gefechts knien die beiden Brüder hinter einem Gebüsch zufällig neben der Fahne
und leisten noch einmal still den Fahneneid.
Aus Briefen und Tagebuchnotizen, die der Mutter später überbracht werden,
klingen fast nur Ungeduld und Zuversicht.
Hoffentlich kommen wir bald ran an den Feind. Uns zuckt's in allen Gliedern.
Von der Begeisterung im ganzen Land könnt ihr euch gar kein Bild machen.
Wir haben alle so guten Mut, dass wir an ein Fehlgehen unseres Kampfes gar nicht denken.
Am 23. August 1914 schließt Walter, kurz vor dem ersten Einsatz, sein Tagebuch mit den Worten
Ich höre jetzt auf, wenn es doch bloß soweit wäre, dass die Feuertaufe überstanden wäre.
Stunden später. Werner ist bereits verwundet.
Dann fällt Walter, der ihm zur Hilfe eilen will, durch einen Kopfschuss.
Du lieber Kampfkamerad, wir wollten dem Vaterlande mehr nützen.
Nun sind wir, nach der ersten Schlacht, getrennt für ewig.
Warum musstest du mich verlassen?
Beendet Werner das Tagebuch des Bruders.
Walter wird in Belgien beerdigt.
Das Kreuz steht auf einem freien Feld in Aune, bei Lenne.
Werner kehrt verwundet in die Heimat zurück.
Aber auch für ihn, wie für seine drei Brüder,
ist der Krieg und mit ihm die vaterländische Bewährung noch nicht zu Ende.
Da trifft es sie, wie alle jüdischen Soldaten, hart.
Als Ende 1916, infolge einer antisemitischen Hetzkampagne,
die sogenannte Judenzählung die aktive Beteiligung der jüdischen Soldaten am Fronteinsatz infrage stellt.
Aber sie geben nicht auf.
Inzwischen sind auch Hans und Karl eingezogen.
Der Gaskrieg fordert sein nächstes Opfer.
Am Morgen des Krieges,
am Morgen des 26. Juli 1918,
stirbt Karl im Lazarett an einer Gasvergiftung.
Die Mutter wird mit einem Telegramm vom Tod des zweiten Sohnes benachrichtigt.
Er habe bis zum letzten Atemzug in treuer Pflichterfüllung seinem Vaterland gedient
und sei als Held gestorben, heißt es in der Anzeige.
Bruno überlebt den Krieg als Unteroffizier
und betätigt sich auf national-konservativer Seite politisch.
1940 wird er von den Nazis zur Zwangsarbeit herangezogen, die er nicht überlebt.
Hans vertritt das Familienunternehmen als Kaufmann in Düsseldorf,
heiratet zweimal, hat fünf Kinder und konvertiert 1934 zum Katholizismus.
Ein Sohn kommt in Buchenwald um.
Hans stirbt 1949.
Werner, der jüngste der Brüder, flieht 1939 nach Holland,
überlebt die Deportation nach Theresienstadt
und wird 88 Jahre alt.
Brian ist in Eile.
Die Söhne der Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs sind alt.
Aber ihr Gedächtnis hat sie nicht verlassen.
Es war ein Kampf gegen Zeit.
Ich habe gewusst, dass die Graben diese Leute alle einsaugen.
Sie waren in den spät 70er Jahren, 80er Jahren,
sogar ein paar Leute waren in den 90er Jahren.
Und ich hatte gewusst, ich muss diese Leute treffen und interviewen,
bevor sie sterben, in ihrer Geschichte, in der Grabe, mit sich selbst.
Oft ist es vorgekommen, dass ich später von den Kindern und der Ehefrau gehört habe,
dass das, was ihr Mann oder ihr Vater zu mir erzählt hat,
war nicht bekannt bei der Familie.
Ich glaube, viele von diesen Männern, sie spüren, dass ihr Leben zu Ende kommt
und sie möchten darüber sprechen.
Und sie fängt an zu sprechen, sie können nicht aufhören.
Bei seiner Suche nach ehemaligen Mischlingssoldaten in Hitlers Armee
entdeckt Brian das Buch von Helmut Krüger,
Der halbe Stern.
Hierin erzählt der Autor die Geschichte seiner Familie.
Der Vater, Dramaturg und Schauspieler,
heiratet die Tochter eines holländischen Juden und einer jüdischen Ungarin.
Auch sie ist Schauspielerin und lässt sich 1933 taufen.
Die beiden Söhne, Helmut und Answald, werden protestantisch erzogen.
Sie absolvieren den Reichsarbeitsdienst und werden zum Militär eingezogen.
Damit, so glaubten beide, sei nun alles in Ordnung.
Der Mutter könne nichts mehr passieren.
Ich hab dann 36 Jahre mich freiwillig gemeldet.
Das war ja dann nach dem neuen Wehrgesetz möglich.
So wurden die Mischlinge auch durch den Hinterang ein Reichsbürger.
Und in dem Zusammenhang wurde ich dann auch in die deutsche Studentenschaft aufgenommen
und bekam einen braunen Ausweis.
Ich bin dann am ersten Mobilwahrungstag eingezogen worden
und hab dann zwei Prüfungsurlaube bekommen
und hab dann meine Prüfung als Diplom-Ingenieur gemacht.
Als Mischling. Das war kein Problem.
Ich bin dann in die Hochschule gekommen als Soldat mit dem EK und als Gefreiter.
Und da ist offensichtlich keiner auf die EG gekommen, mich nach meinem ARIA-Nachweis.
Anders kann ich es mir nicht erklären.
Als die Eltern von Horst Geitner ein Paar wurden, dachte noch niemand an die Nazis.
Seine katholische Mutter, Olga Geitner, war Krankenschwester.
Der jüdische Vater, Otto Moses, Journalist.
Horst wuchs überwiegend in Berlin auf.
Er wurde auf Wunsch des Vaters zunächst im jüdischen Glauben erzogen,
konvertierte aber 1934 wegen der Nazi-Gesetze zum Katholizismus.
Eigentlich wollte er Pilot werden, weil es ihm als Halbjude versagt wurde.
Aber dann erwies er sich als so guter Soldat,
dass seine Vorgesetzten ihn vor Diskriminierung und Entlassung so lange wie möglich schützten.
Die Kompanie war im Karree angetreten zum Morgenappell.
Und der Spieß hat die Unteroffiziere zu sich kommen lassen,
hat die üblichen Vermeldungen verlesen, hat dann gesagt, Unteroffiziere wieder zur Truppe.
Und dann kam zu mir nur der Unteroffizier Ammer und hat gesagt, Geitner zum Spieß.
Ich bin dann hingerannt, hab mich drei Schritte vor dem aufgebaut.
Meldung, Flieger Geitner meldet sich zur Stelle.
Dann hat ganz leise zu mir der Spieß gesagt, sind Sie nicht arisch?
Wohler, Hauptfeld.
Dann hat er das aufgenommen in sein dickes Buch und hat gesagt, in Ordnung, treten Sie zur Truppe wieder.
Dann bin ich zurückgetreten zur Truppe und damit war der Fall erledigt.
Alle anderen Unteroffiziere gingen von Mann zu Mann und fragten die Betreffenden, ob er arisch ist oder nicht arisch.
Und so hatte mich mein Unteroffizier der Ammer natürlich geschützt auf die Art und Weise.
Denn wie die anderen reagieren würden, das wäre nicht abzusehen gewesen.
Weil er sehr exakt marschieren und das Gewehr präsentieren konnte, wurde er zum Wachbataillon nach Berlin abgeordnet.
Dort musste er vor dem Ehrenmal unter den Linden stehen.
Und gehörte schließlich sogar zur besonders ausgewählten Leibwache für den Reichsmarschall Hermann Göring.
Geithner war dieser Posten gar nicht geheuer.
Denn meine Sorge war natürlich die, wenn dem Göring was passiert, was der Herr verhüten möge.
Wenn dem was passiert, dann musste ja einer der Schuldigen sein.
Dann muss man ja den Schuldigen suchen.
Und da 1933 ein von der Lübbe bereits genommen worden war, als Reichstagsbrandanleger,
musste ich dann natürlich damit rechnen, dass ich dann derjenige gewesen wäre, der den Göring dann auf dem Gewissen hat.
Geithner war als Leibwache Göring oft zu nah.
Hat er als Sohn eines verfolgten Vaters mal daran gedacht, die Chance für einen Attentat zu nutzen?
Diese Idee wäre mir völlig fremd gewesen.
Ich habe mich als Soldat gefühlt mit dem Auftrag, den ich hatte.
Ich habe den Göring nicht ungern gemocht.
Für mich war das mein Vorgesetzter.
Und ich bin ja gern Deutscher und Soldat gewesen.
Ich bin offengestanden mit Leib und Seele Soldat gewesen.
Ich hätte jeden umgebracht, der was dem Göring hätte tun wollen.
Das wäre außer Frage gestanden überhaupt für mich.
Rudolf Sachs wuchs im protestantischen Glauben auf.
Sein Vater war Jude ohne besondere Bindung an die Religion, die Mutter Katholikin.
Die Begabungen des jüngsten Sohnes lagen auf sportlichem und musikalischem Gebiet.
Wie sein älterer Bruder absolvierte er den Arbeitsdienst und wurde zur Wehrmacht eingezogen.
Dass er halb Jude war, stand in der Akte.
Die Kameraden wussten es nicht, die Vorgesetzten kümmerten sich nicht darum.
Ich wurde damals von unserem Kommandeur, der irgendwie mir sehr wohlgesonnen war, vorgeschlagen,
ich sollte zu einem Reserveoffizierskurs teilnehmen.
Und da musste ich ihn darauf aufmerksam machen, er soll mal in meine Stammrolle kommen.
Und dann hat er gesagt, ich darf das nicht.
Dann hat er gesagt, ich kümmere mich da nicht drum.
Aber es ist natürlich nicht dazu gekommen.
Also ich will damit sagen, ich habe keinerlei Diskriminierung da gehabt.
Das gab es gar nicht.
Dieses Eisene Kreuz bekam ich, weil ich bei einem Angriff im Donnerzbecken,
oder im Donnbogen, das kann ich jetzt nicht genau sagen,
drei russische Panzer abgeschossen habe, die komischerweise amerikanische Panzer waren,
weil die Russen schon keine Panzer mehr hatten.
Sie hatten Schirmenpanzer, an denen wir aber gar nicht ausgebildet waren.
Ich hatte das große Glück, oder wie auch immer, jedenfalls als Richtschütze, sie abzuschießen.
Und habe meinem damaligen Kommandanten, als wir selbst abgeschossen waren,
habe ich das Leben praktisch gerettet, weil ich ihn selbst kaum atmen konnte,
hatte ich ihn also in Sicherheit gebracht.
Und daraufhin wurde ich dann ausgezeichnet.
Als ich jetzt zum Leutnant befördert werden wollte,
und war mit der Erste, der befördert werden sollte,
entdeckte man wieder, dass ich diese Sache verschwiegen hatte.
Diese Sache war die jüdische Herkunft seiner getauften Mutter.
Und daraufhin wurde ich dann verurteilt,
saß lange, über 48 Tage, in einem, in Mannheim, in einem Militärgefängnis,
was sehr, sehr schrecklich war,
und wurde dann anschließend zu diesen 21 Tagen geschärften Arrest verurteilt.
Das heißt, man kam nur jeden dritten Tag richtig zu essen,
die anderen Tage hatte man nur so einen Muckefuck.
Obwohl Hitler im April 1940 den Befehl gegeben hatte,
alle Halbjuden aus der Wehrmacht zu entlassen,
war es vielen Kompaniechefs wichtiger, gute Soldaten zu haben,
als Hitlers Rassenpolitik zu unterstützen.
Deshalb kämpften Tausende von Halbjuden,
auch ohne Ausnahmegenehmigung des Führers, in Russland mit,
wurden verwundet, ausgezeichnet und manchmal auch befördert.
Und das hat auch viele von diesen Männern gezwungen,
mehr zu machen, um zu beweisen, dass sie Deutsche waren,
dass sie Patrioten waren,
dass sie tapfere Soldaten waren.
Und viele dabei sind am Leben gekommen,
weil sie haben mehr gemacht im Krieg, was nicht nötig war,
um einen Orden zu bekommen, um zu beweisen,
dass ihre arischen Ahnen die dominierten Ahnen ihrer Vorfahren sind.
Das klingt so blöd heutzutage, aber damals, das war die Realität.
Viele Mischlingssoldaten verließen jedoch nie das Bewusstsein ihrer jüdischen Herkunft.
Und auch wenn die meisten sagen, sie hätten in der Wehrmacht nichts zu tun,
gehabt mit der Judenverfolgung, so erlebten manche doch Situationen,
die sie vergeblich zu verdrängen suchten und die sie heute noch beschäftigen.
Ich war Kratmelder im Vormarsch in Russland.
Das war ungefähr Anfang Juli 1942.
Und ich stand auf einer Brücke, Eisenbahnbrücke und hatte einen Blick
so 150 Meter weit in ein Gefängnis.
Und die Kolonne, die hatte irgendwie einen Stau, wir kamen also nicht weg.
Ich blieb da ungefähr so eingekeilt an die fünf bis acht Minuten stehen
und musste miterleben, wie da SS-Leute, nackte Menschen, Frauen, Kinder und alte Männer
und so weiter durch eine Gasse mit Peitschen zu einer Grube trieben.
Und dort mussten sie sich niederknien.
Dann kriegten sie einen Genickschuss.
Und dann fielen sie in die Grube.
Und ich habe mich übergeben.
Also ich konnte nicht weg.
Ich hatte ein Gefühl in mir, also als wenn die Welt untergeht.
Und ich konnte das auch nicht ändern.
Und in mir kam also irgendwie jetzt der Gedanke, mein Gott noch mal, was ist denn das für ein Volk?
Und dann kam für mich natürlich auch der absolute Gedanke, was ist das für ein verbrecherischer Krieg?
Und dann gab es natürlich auch jetzt die zweite Frage, wie kommst du da raus?
Ich konnte mich ja nicht absetzen.
Ich hatte Gelegenheit einmal zu desertieren.
Ich war abgeschnitten und bin dann hinter der Truppe hergelaufen, zwei Tage lang.
Die hatte sich abgesetzt.
Ich hatte Mühe, die wieder einzuholen.
Hinter mir der Russe und Niemandsland.
Der kam Gott sei Dank nicht hinterher.
Ich hätte einfach liegen bleiben oder stehen bleiben, die Hände hochhalten sollen.
Und dann wäre ich ein Kriegsgefangener gewesen.
Nun gut, es gab dann auch eine derartige Propaganda, dass man Angst vor der Gefangenschaft hatte.
Das war das eine.
Aber für mich war der Gedanke dann gleich maßgebend, dass ich sagte, ich kann jetzt nicht desertieren.
Das würden meine Familie, das würden meine Eltern, mein Vater, der ja sowieso unter Beobachtung stand, auszubaden haben.
Also ich bin dann einfach weitergelaufen und habe dann dieses Elend weiter mitgemacht bis zum bitteren Ende.
Die Juden hatten mal gesehen.
Die hatten alle einen Judenstern getragen und waren so sieben Mann, acht Mann und einer mit einer Knute.
Das heißt, es war so eine Art Gerte.
Wenn man schlägt, dass man das merkt.
Und wir hielten da an.
Ein paar Stunden war es und auf einmal sehe ich die und die laden ab Ziegelsteine.
Und da schlägt er die Leute, also diese Juden.
Und das tat mir so weh.
Und da habe ich gesagt, Mann, da musst du dir ein paar Worte flüstern.
Und dann waren es so 50 Meter.
Von hier bis zum nächsten Haus.
Und dann sage ich, musst du den da schlagen?
Und da sagte er im gebrochenen Deutsch, erstmal stand er stramm und hat Meldung gemacht.
Das muss er wahrscheinlich.
Und hat im gebrochenen Deutsch dann gesagt, weiß ich nicht, hier der Gefangene sowieso mit sieben Mann Arbeitskommando.
Ich sage, warum schlägst du deine Genossen da?
Da sagt er, Herr, im total gebrochenen Deutsch, Herr, wir müssen das schaffen innerhalb so viel Zeit.
Und wenn wir das nicht, dann kriegen wir noch stärkere Schläge oder was.
Ich sage, Herr, bei mir schlägst du sie nicht mehr.
Und dann, jawohl, hat er dann gesagt.
Und dann bin ich losgegangen, also wieder zurück.
Meine Kameraden, die dann zum Waggon.
Und dann so, was hast du da mit denen?
Ich sage, mir tat es leid, dass die Juden da so geschlagen werden.
Da sagt er, was kümmert dich denn das, haben sie dann gesagt.
Es sind doch nur Juden.
Also in diesem Wortlaut.
Aber er hat auch nicht mehr geschlagen, solange wir da standen.
Weil er gedacht hat, dann doch irgendwas.
Und das war mein immer wieder, dass ich dann doch schwach wurde.
Also, weil ich immer gesagt habe.
Mann, da braucht bloß einer dabei sein, der gesagt hat, was kümmert dich das?
Oder was mischst du dich denn da ein?
Aber es war keiner.
Vielleicht innerlich haben sie mir zugestimmt.
Mir war bekannt natürlich, dass den Juden was getan wurde.
Aber Einzelheiten wusste ich nicht.
Das müsste ich jetzt lügen.
Ich wusste, dass die Juden teilweise in...
Konzentrationslager wohl gebracht wurden.
Das war bekannt.
Aber Näheres zu Einzelheiten hat man nicht gewusst.
Und ich muss ganz ehrlich gestehen, man wollte es auch nicht wissen.
Und ich habe da auch keine Gedanken drüber verloren.
Muss ich ganz ehrlich gestehen.
Besonders schrecklich war die Fehleinschätzung vieler sogenannter Mischlinge,
dass sie als Frontkämpfer ihre jüdischen Angehörigen...
vor Diskriminierung und Deportation schützen könnten.
Manchmal half ein Protest der Männer in Uniform.
Aber auch aus ihren Familien kamen viele Menschen im Holocaust um.
So zuversichtlich wie die Brüder Sachs waren jedoch viele sogenannte Mischlinge.
Aber fast die ganze Familie wurde ermordet.
Also wir wussten dann schon, was auf uns zukommen könnte.
Aber das muss man immer wieder eindeutig sagen.
Diese jüdische Familie,
die eben so lange in Deutschland war.
Und man soll nicht vergessen,
dass ein Vetter von mir im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallen ist.
Mein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg.
Wir haben also keinerlei Bedenken gehabt,
dass man irgendwie in Schwierigkeiten bei den Nazis kommen wird.
Auch Camilla Krüger, geborene Davidson,
wurde in Abwesenheit ihrer Söhne nach Theresienstadt deportiert.
Nach den damaligen Üblichen,
ich weiß nicht, welche Gesetze hat es wahrscheinlich da gar nicht gegeben,
hätte meine Mutter mit den beiden Söhnen,
die beide im Krieg waren,
beide Gefreite,
beide eiserne Kreuzträger
und mein Bruder sogar verwundet,
nicht nach Theresienstadt gemusst.
Wir waren dann beide zweimal hier im Reichssicherheitshauptamt.
Und da sind wir von dem SS-Obersturmbannführer Günther
in voller Uniform,
empfangen worden.
Heil Hitler!
Heil Hitler!
Heil Hitler!
Was gibt's?
Wir bitten um die Freilassung unserer Mutter.
Sie ist nach Theresienstadt geschickt worden.
Sie leidet.
Wir haben für Deutschland an der Front gekämpft.
Ich bin verwundet worden.
Wir beide haben Auszeichnungen für Mut und Tapferkeit vor dem Feind.
So, so.
Jüdischer Heldenmut, nicht wahr?
Ich will Ihnen mal was sagen.
Mut hat jeder Verbrecher.
Heil Hitler!
Kamilla Krüger überlebte Theresienstadt.
Aber sie erholte sich nie davon
und starb nach langem Siechtum 1954.
Werner Goldberg erfuhr als Soldat an der Front
von den Drangsalierungen seines Vaters,
eines getauften Juden.
Empört wandte er sich an seinen Kompaniechef.
Der reichte die Beschwerde weiter nach oben.
Und alle folgenden Vorgesetzten taten dasselbe
bis zur höchsten Stelle.
Und dann wurde ich zum General bestellt
von Brockdorf-Ahlefeld.
Und ich zog dann also mit geputzten Koppel, Stiefel, Knöpfen
zum General.
Und der empfing mich sehr entgegenkommend,
möchte ich sagen, stehend.
Herr General, erlaube mir vorzutragen.
Ich kämpfe an der Front.
Und mein Vater darf sich nicht frei bewegen.
Bekommt keine Lebensmittel.
Kann sich nicht ärztlich behandeln lassen.
Er wird als Jude beschimpft.
Und nun soll er, obwohl er krank ist,
auch noch schwer arbeiten.
Soldat Goldberg.
Hiermit befördere ich Sie zum Gefreiten.
Lassen Sie sich sofort die Rangabzeichen annähen.
Schnallen Sie sich eine Pistole um.
Fahren Sie nach Berlin.
Und regeln Sie das,
wie es sich für einen deutschen Soldaten gehört.
Sie haben 14 Tage Urlaub.
Sollte das nicht reichen,
schicken Sie mir ein Telegramm, er wird verlängert.
Jawohl, Herr General.
So ausgestattet erreichte Goldberg zunächst beim Arbeitsamt,
dass sein Vater von der Zwangsarbeit befreit wurde.
Dann bin ich zum 3. Armeekorps hier am Hunzerland am gegangen,
um über die Voraussetzungen der Aufrechterhaltung
meiner Familienexistenz sozusagen zu reden.
Dort saß ein Rittmeister der Reserve.
Ich habe nachher erfahren,
dass der Vorsitzender der Anwaltskammer Berlins war.
Und als Reserveoffizier dort eingezogen.
Der brüllte mich gleich an,
wie kommt es eigentlich,
dass Sie als Halbjude befördert worden sind zum Gefreiten?
Da habe ich gesagt, das dürfen Sie nicht mit mir erörtern,
das müssen Sie mit meinem General erörtern.
Ich bin hierher geschickt worden,
um zunächst einmal zu klären,
wie es eigentlich geht,
dass mein Vater kein Einkommen hat,
dass meine Familie die Miete nicht bezahlen kann,
dass sie sich nicht nicht nach dem Arbeitsamt
ernähren kann und ich an der Front als Soldat bin.
Da stutzte er einen Moment und dann sagte er,
naja, das braucht Sie jetzt nicht mehr zu irritieren.
Sie werden sowieso aus der Wehrmacht entlassen.
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang haben sie geschwiegen.
Und kaum einer hat sie bisher gefragt,
die Soldaten mit dem halben Stern.
Aber ihre verborgenen Erinnerungen
haben sie für ein ganzes Leben schmerzlich geprägt.
Jetzt habe ich doch nun für dieses Land,
für dieses Land den Kopf hingehalten.
Und jetzt gelte ich doch plötzlich nichts mehr.
Es ging ja nachher viel noch weiter so.
Es war ja nicht so, dass das...
About this record.
This German-language documentary tells the largely overlooked stories of men classified by the Nazi regime as Jewish “Mischlinge” who nevertheless served in the Wehrmacht during World War II. The film follows Bryan Mark Rigg’s research across Germany as he locates aging veterans, family records, military documents, photographs, and personal testimony that reveal lives divided between German identity and Nazi racial persecution. Veterans describe discovering their Jewish ancestry, concealing it from authorities, receiving military decorations, seeking exemptions, attempting to protect Jewish parents, witnessing persecution and mass killing, and struggling with their identities after the war. The documentary also places their experiences in the longer history of German-Jewish patriotism, including Jewish military service in World War I, while examining the contradictions between Nazi racial ideology and the realities of the German military.